Maria Peters  / E
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Occupy Wellness -World

Innsbruck, 23.3.2015

Großer Basar, Istanbul 2013

Er zeigte mir diese Vase aus Messing, die fein ziseliert, präzise bemalt und wohlgeformt war, und ich sagte, dass sie perfekt sei.
„Sicher nicht“, meinte er. Er nahm sie und begann sie zu untersuchen. „Hier“, sagte er und zeigte mir eine sehr kleine Unregelmäßigkeit in der Malerei.
„Du musst wissen“, fügte er erklärend hinzu, „dass die türkischen Handwerker absichtlich kleine Fehler in ihre Arbeit einbauen. Denn das Streben nach Perfektion gilt bei uns als Blasphemie – Allah alleine ist fehlerfrei.“

Regeln,
Normen,
alles richtig machen.
Generation Zahnspange.

 Restriktive Betriebssysteme,
die unser Gehirn normieren,
partitionieren, synchronisieren.

Identitätsdesign.

Dann: Die Identitätskrise.
Dann: Rückzug, Selbstfindung, das kleine Paradies.
Oder: Widerstand.

„I would prefere not to“,
Occupy,
Veggie,
Widerstand und Biedermeier.
Schöne neue Welt?

Vom Problem des Widerstands in einer pluralistischen Gesellschaft: In einer  Gesellschaft ohne gemeinsamen kulturellen oder religiösen Überbau, wird die Aussage des Einzelnen absorbiert. (Bill Viola, Interview, späte 80iger Jahre.)

 Wer gehört werden will, muss sehr besonders sein.

 Individualität bedeutet Unvollkommenheit.
Weil Unregelmäßigkeit.
Und unklare Zugehörigkeit.
Und dann, die Notwendigkeit, sich zu erklären.
Aufzuzeichnen.
Historie zu schreiben.
Die Norm ergibt keine guten Geschichten.

„Er hat seine Eltern nicht gekannt, daran ist er zerbrochen. Ein Hund hätte nicht dermaßen gelitten. Obwohl auch Hunde ihre Geschwister und Verwandten erkennen, sich auch normalerweise freuen, sie wieder zu sehen. Aber sie schreiben ihre Geschichten nicht auf. Das historische Bewusstsein hat mit Sprache zu tun. Mit bewusster (auch selektiver) Überlieferung. So dehnen wir unsere Existenz aus, nach vor und zurück. Schlagen der Raumzeit ein Schnippchen, ziehen Schleifen durch sie.
Erst die verschlungenen Linien ergeben die Kunst.“

Könnte aber auch klug sein, sich auf klare Normen zu einigen. Weniger Kriege vielleicht, wenn wir alle das gleiche wollen.
Auf die Kunst pfeifen. Und die Langeweile in Ruhe umbenennen.
Nur müssten sich dann alle entfernen, in denen die 68er noch nachwehen.
Und alle die, die nie aufgeben wollen, nicht aufhören zu denken.
Die Philosophie schnell abschaffen. Denken abschaffen.
Wird ja oft propagiert in letzter Zeit. Viele Seminare gibt es um das zu lernen.

Genießen,
zufrieden sein.
Sich über Kleinigkeiten freuen.
Negatives ausblenden.
Wellness-World

Ich schließe nicht aus, dass das gut ausgehen kann. Und ich werde bald verschiedene Paradiese suchen, besuchen.
Und nehme mir vor, möglichst objektiv über diese Orte oder Experimente zu berichten.

Denn ich nehme die Sehnsucht ernst.
Die Sehnsucht ist der Schlüssel zum nächsten nötigen Schritt.
Aber sie tarnt sich auch.
Kann auch in Wahrheit ganz etwas anderes wollen, als man zu verspüren glaubt.

Schöne neue Welt?

Wir sind ja auch Getriebene der Evolution, des allgemeinen Willens unserer Zeit.
So leicht entkommt man dem nicht. Entkommt vermutlich gar nicht.

Aber dahinterkommen, was ich soll oder besser muss, und mich spielen damit, das verhindert zumindest diese tödliche Langeweile, die so viele verrückt macht. Die sie trotz des Wohlstands so traurig macht, manchmal auch bissig. Wie ein Hund mit Maulkorb eben. Oder verloren. Trotz all des Genusses und des Eigenheims ganz verloren.

Occupy Wellness -World